Für höhere Aufgaben berufen: Piero Müller verblüfft mit einer rasanten Entwicklung

Für höhere Aufgaben berufen: Piero Müller verblüfft mit einer rasanten Entwicklung
18.05.2021

Piero Müller hat eine rasante Entwicklung hinter sich. Nach dem Rückzug von Traktor Basel setzt der talentierte Diagonalangreifer seine NLA-Karriere in Schönenwerd fort. Der erste Einsatz für die Schweizer Nationalmannschaft ist auch nur eine Frage der Zeit. Was macht ihn so stark?

An einem Freitagnachmittag vor wenigen Tagen klingelt Piero Müllers Telefon. Am Anderen Ende: Marco Fölmli, der Assistenztrainer der Schweizer Herrenvolleyballmannschaft. 16 Spieler stehen auf seiner Liste. Diese sollen in dieser und der kommenden Woche in der Slowakei und Rumänien die Schweiz an die Volleyball-Europameisterschaft im Sommer führen. Müller gehört dazu, doch zwei Spieler werden von der Liste noch gestrichen. Müller trifft es. Es ist ein erster Vorgeschmack eines Nati-Aufgebots. «Ich dachte mir, dass der Anruf nach dieser Saison kommen könnte», sagt der 21-Jährige aus Muttenz. 

Denn die vergangene Saison bei Traktor Basel stellt sich als ein optimales Bewerbungsschreiben für höhere Aufgaben dar. Piero Müller ist der Lichtblick in einer Saison, die vom Rückzug aus der NLA geprägt wird. In der Premierensaison Traktors vor zwei Jahren bekleidet er noch keinen Stammplatz, ist nervös und denkt sich bei der Einwechslung: ‹Spiele gut, sonst bist du gleich wieder draussen.› Auf seiner Position des Diagonalangreifers ist es wie beim Fussball im Tor. Es gibt einen Platz, und mindestens zwei, die diesen beanspruchen. Im Sommer arbeitet Müller intensiv an der Physis, um sich den Stammplatz zu ergattern. «Ich machte mir vor der Saison grossen Druck», sagt Müller. Es zahlt sich aus. Plötzlich wird Müller für Traktor unverzichtbar – seine Sprungstärke, seine Agilität. 158 Punkte erzielt er und wird dadurch Topskorer. «Mit den Einsatzminuten kommt die Sicherheit und die Erfahrung. Darauf konnte ich aufbauen», erklärt Müller.

So darf der 21-Jährige Ende März im Vorgarten seines Elternhauses in Muttenz ein Paket entgegennehmen und ein Video aufzeichnen, das später auf der Internetseite von Swiss Volley landen wird. In den Händen eine Trophäe, die ihm als «Youngster of the Year» zusteht, von den NLA-Trainern verliehen. «Es zeigt mir, dass sich das ganze Training gelohnt hat und ich den Kollegen am Abend zurecht mal absagte, um zu trainieren», sagt Müller.

Müller ist sich im Klaren, was er kann, und was er noch verbessern muss. Hoch springen, das konnte er schon immer, begünstigt dadurch, dass er als Kind Leichtathletik trainierte und die richtigen Gene vererbt bekam. Verbessern will er den Service. Wenn der auch noch wie gewünscht kommt, sei er ein kompletter Spieler. Und berufen für höhere Aufgaben.

Von der Grossstadt in das solothurnische Dorf

Wenn Heiko Breer, der Sportchef von Traktor, zurückblickt, ist er überrascht von dieser Entwicklung. Damals, als die Mannschaft in die NLA aufstieg, ist Piero Müller einer, der zwar Potenzial hat, der aber auch immer wieder schlechtere Phasen einzieht. «Mental ist bei ihm seither aber viel gegangen, er wurde stabiler», sagt Breer.

Eine solche Aufgabe erwartet ihn in der neuen Saison. Nach dem Rückzug Traktors entscheidet er sich für einen Wechsel zu Volley Schönenwerd, einem nationalen Spitzenverein. Schon vor zwei Jahren versuchten die Solothurner den talentierten Müller abzuwerben, doch der Muttenzer wollte vorerst lieber das Projekt in Basel vorantreiben. Nun wechselt er doch von der Schweizer Grossstadt, in der Volleyball kaum finanziellen Support geniesst, in das solothurnische Dorf, in dem es sportlich nur Volleyball gibt. «Ich muss mir in Schönenwerd zuerst einen Stammplatz erkämpfen, und das wird kein Zuckerschlecken», ist sich Müller bewusst. Doch er freut sich auf die Herausforderung.

Piero Müller erwartet eine Bewährungsprobe

Einfach wird sie nicht. «Er wird auf seiner Position mit einem Ausländer um den Platz kämpfen», sagt Daniel Bühlmann, CEO von Volley Schönenwerd. Doch Müller könnte es entgegenkommen, dass Schönenwerd die nächste Spielzeit als Übergangssaison betrachtet, um in zwei Jahren um den Titel zu spielen. Es ist eine Bewährungsprobe für Junge wie Müller. «Wir wollen sehen, wie sie in Drucksituationen bestehen», erklärt Bühlmann und ergänzt: «Piero muss noch konstanter werden. Es reicht nicht, wenn ein Spieler einen Satz oder nur ein Spiel gut ist. Es muss über die gesamte Saison klappen.»

Müller denkt bereits weiter als Schönenwerd. Er kann sich vorstellen, in einem Jahr, nach dem Abschluss seines Wirtschaftsstudiums an der Universität Basel, voll auf die Karte Volleyball zu setzen. Er träumt von Italien, eine der besten europäischen Volleyballligen. Realistischer ist kurzfristig ein Einsatz in der Schweizer Nationalmannschaft. «Jeder will mal mit der Landesflagge auf der Brust spielen.» Wenn er seine Entwicklung derart geradlinig fortführt wie in den letzten beiden Jahren, ist er bald nicht mehr nur Ersatz, der aus der Ferne zuschaut, wie seine Kollegen um die EM kämpfen und mitbekommt, was sie in der WhatsApp-Gruppe schreiben. Sondern mittendrin.

Quelle : BZ, Simon Leser

zurück zur Newsübersicht