, Raphael Wermelinger

AZ&OT - Karriereende Reto Giger

Volley Schönenwerds Passeur Reto Giger beendet seine Karriere nach der Saison Innert 15 Jahren von der NLB zum Meistertitel und in die Champions League: Reto Giger hat nicht nur die Klubgeschichte von Volley Schönenwerd massgeblich mitgeprÀgt, sondern auch in der Nationalmannschaft Spuren hinterlassen.

Er stieg mit Volley Schönenwerd vor 15 Jahren in die NLA auf, gewann zwei Schweizer Meistertitel, spielte in der Champions League, war zwei Jahre lang Profi im Ausland und führte die Schweizer Nationalmannschaft als Captain an die EM 2023. Nach dem Playoff-Final gegen Amriswil wird Zuspieler Reto Giger seine beeindruckende Karriere beenden.

Seit anderthalb Jahren beschäftigt er sich mit dem Gedanken ans Aufhören. Er spricht von einem schleichenden Prozess. Sein Körper würde zwar noch ein paar Saisons mitmachen, sagt der 33-Jährige, doch für ihn ist jetzt der richtige Moment für den Rücktritt gekommen. Einerseits wegen seines Jobs als Security System Engineer bei der Netree AG in Däniken, der ihn immer stärker fordert, aber auch wegen seiner Frau, der Familie, den Freunden und «allem anderen, das in den vergangenen Jahren immer ein wenig im Hintergrund stand».

13 Jahre nach dem Aufstieg endlich der erste Titel

Mit Reto Giger verliert Volley Schönenwerd seine wichtigste Identifikationsfigur. Kein anderer Spieler hat die Entwicklung des Klubs in den letzten anderthalb Jahrzehnten so geprägt wie er. Als 18-Jähriger avancierte er während der Aufstiegssaison 2009/10 zum Nummer-1-Passeur. Mit ihm als Dirigent etablierte sich Volley Schönenwerd in der NLA, erreichte 2014 zum ersten Mal den Playoff-Final und stand 2015 zum ersten Mal im Cupfinal. Bis zum ersten Titelgewinn der Klubgeschichte sollten indes noch weitere acht Jahre verstreichen.

Nach seiner sechsten NLA-Saison mit den Schönenwerdern wechselte Giger für zwei Jahre zu Volley Näfels und begab sich dann auf ein zweijähriges Ausland-Abenteuer mit je einer Saison in Polen bei Cerrad Czarni Radom sowie in Estland bei Saaremaa. 2020 kehrte er in die Schweiz und zu Volley Schönenwerd zurück. Auf zwei dritte Plätze in der Meisterschaft und zwei verlorene Cupfinals folgte in der Saison 2022/23 endlich der erste Titelgewinn. Die Schönenwerder entthronten im Playoff-Final Amriswil. Im vergangenen Jahr verteidigte Giger mit «Schöni» den Meistertitel.

Wie viele Spiele er für Schönenwerd seit dem Aufstieg bestritten hat, weiss er nicht genau. Es werden rund 500 gewesen sein. In seinen insgesamt elf NLA-Saisons mit den Schönenwerdern hat er etliche Spieler kommen und gehen sehen. Dennoch muss er nicht lange überlegen, welche ehemaligen Weggefährten er für sein Allstar-Team aufbieten würde: Leandro Gerber, Jan Schnider, Noah Eichenberger, Christoph Hänggi und Marco Heimgartner. Die Begründung für seine Wahl: «Sie sind alle langjährige Identifikationsfiguren, wegen denen die Zuschauer in die Halle kommen.» Wie er selbst also.

Wer sein Allstar-Team coachen würde – auch darüber muss Giger keine Sekunde nachdenken. Es sei kein Geheimnis, dass der Italiener Mario Motta, der seit 2017 für das Schweizer Nationalteam verantwortlich ist, sein absoluter Lieblingstrainer ist. «Er hat die Schweizer Spieler, die jetzt in der NLA vorne mitmischen, aufgebaut», erklärt er. «Er hat der Schweizer Volleyball-Nati in den letzten Jahren eine klare Linie vorgegeben und unter ihm habe ich extrem viele wichtige Lektionen gelernt.»

Die erste EM-Teilnahme der Schweiz seit fünfzig Jahren

Die historische Qualifikation für die EM 2023 bezeichnet er denn auch als einen seiner schönsten Erfolge. Nebst dem ersten Meistertitel mit Schönenwerd: «Der war Gold wert – er war eine Bestätigung für die langjährige Arbeit des Klubs und für die Philosophie, auf Schweizer Spieler zu setzen.» Giger blickt noch etwas weiter zurück: «Der NLA-Aufstieg in der alten Feld-Halle war für mich auch ein sehr schöner Moment. Da spürte ich zum ersten Mal so richtig die Freude und die Euphorie der Leute, die den Klub in den nächsten Jahren so weit gebracht haben.»

Der Aargauer erlebte während seiner Karriere aber auch einige sehr schmerzhafte Momente. Zum Beispiel die Niederlage im Cupfinal vor vier Jahren gegen Jona sei heftig gewesen. Schönenwerd unterlag dem Underdog nach einer 2:0-Führung im Tiebreak: «Wir hatten alles in den Händen und haben es dann vergeben.»

Wenn er seine Karriere noch einmal von vorne beginnen könnte, würde Giger vor allem eines anders machen. Er würde viel früher den Schritt ins Ausland wagen. «Das waren für mich mit die besten Jahre zum Lernen und Weiterkommen», erklärt er. «Wir Schweizer sollten mutiger sein und einfach mal etwas wagen, ohne immer an die Sicherheit zu denken.»

Hat er das Gefühlt, während seiner Zeit als Spitzensportler etwas verpasst zu haben? «Ja, in die Pensionskasse einzubezahlen – das ist wieder eine typische Schweizer Antwort», sagt er und lacht. «Ich musste auf vieles verzichten, aber der Sport gab mir auch viel zurück. Was ich dank dem Sport alles erleben durfte, möchte ich sicher nicht missen.»

Es wird ein letztes Mal so richtig Kribbeln im Bauch

Zum Abschluss seiner Karriere würde Reto Giger nur zu gerne zum dritten Mal in Folge Meister werden. Im Final trifft Schönenwerd ab Freitag wie schon in den beiden Jahren davor auf Amriswil. «Wir sind der amtierende Meister, aber vom Saisonverlauf her haben wir die schlechteren Karten», blickt er voraus. «Sie gewannen die Qualifikation und spielen konstant auf einem hohen Niveau. Wir dagegen haben bis jetzt immer noch nicht unser bestes Volleyball gezeigt. Wenn wir noch einen drauflegen können, wird es sehr schwierig für Amriswil, auch wenn sie diesmal den Heimvorteil haben.» Am Ende werde sich das abgebrühtere Team durchsetzen.

Was er nach seinem finalen Auftritt am meisten vermissen werde, sei das Teamleben: «Das ganze Miteinander – dumm reden, zusammen essen, an die Spiele fahren, in den Ausgang gehen und so weiter. Wir sehen uns so viel, da sind enge Freundschaften entstanden.» Und die Stimmung vor den Spielen werde ihm ebenfalls fehlen. Wenn er beim Aufwärmen spürt, wie sich die Halle langsam füllt, und immer mehr Lärm entsteht, diese Atmosphäre habe er immer genossen, auch wenn es mittlerweile nur noch vor den wichtigen Spielen so richtig kribble im Bauch: «Das wird im Final definitiv noch einmal so sein.»